OÖ Nachrichten: Interview „Brain data statt big data“
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Das Einzige was stört, ist der Mitarbeiter?

Unternehmen sind meisterhaft darin, nach außen ein blendendes Bild zu vermitteln, in Stellenanzeigen das kollegiale, ja fast schon freundschaftliche Betriebsklima hervorzuheben, in Pressemeldungen die neu eröffnete Firmen-Kita zu feiern und an Tagen der offenen Tür die prachtvollen Palmen im Betriebs-Restaurant zu präsentieren; und nach innen – dem wahren Spielfeld – das komplette Gegenteil zu leben: Mitarbeitern etliche (unbezahlte) Überstunden aufzulasten, sie im Sommer bei 38 Grad im Schatten oder im Winter mit übler Erkältung antanzen zu lassen, ihnen in der Kantine fettiges Essen zu servieren, das sie in der 20-minütigen Pause hektisch einwerfen müssen. Genau die richtige Strategie, um den Wissensfluss im Unternehmen gnadenlos zu stoppen! Warum? Weil sich „Kultur“ direkt auf die Bereitschaft der Mitarbeiter, Ideen und Know-how weiterzugeben und damit auf Innovationspotenzial und Erfolg auswirkt.

Der intelligente Kampf um das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter

Intelligente Unternehmen legen Wert auf positive zwischenmenschliche Beziehungen, umfassende Einbindung und faire Arbeitsverhältnisse. Je mehr sie auf die Bedürfnisse des Arbeitnehmers eingehen, desto eher zahlt er es zurück; indem er nicht nur „Dienst nach Vorschrift“ betreibt, sondern sich mit Haut und Haar für das Unternehmen einsetzt – und damit auch bereitwillig jene Einfälle teilt, die schon morgen eine spektakuläre Produktdiversifikation, eine wegweisende Prozessverbesserung oder schlichtweg den gesamten Turnaround des Unternehmens herbeiführen könnten. Diese Wissensquelle versiegen zu lassen, indem Kultur nicht gestaltet, sondern höchstens verwaltet wird, indem Starre, Ignoranz und Angst gefördert werden, ist brandgefährlich. Es ist maximal logisch: Warum sollten frustrierte Angestellte, die vielleicht innerlich schon gekündigt haben, Wissen an jemanden weitergeben, der für ihre missliche Lage verantwortlich ist? Niemals!

Alle reden von „Big Data“, von Algorithmen, die alles regeln werden, die den Kunden von der Haarspitze bis zur Fußzehe exakt berechnen. Natürlich wird Big Data eine wichtige Rolle spielen – aber: Wo bleibt hier der Mensch? Der Anfang einer Idee ist nie eine Zahl, sondern immer ein zündender Gedanke. Das Buch, die Eisenbahn, der Computer, Facebook, YouTube, Netflix – alles umwälzende Innovationen, die dem Gehirn von Menschen entsprungen sind: pures Brain Data. Unternehmen und deren Mitarbeiter werden mehr und mehr zu Wissenskriegern – wer Wissen systematisch sammelt, ordnet, analysiert und anwendet, etwa durch Knowledge-Cloud-Systeme, offene Austausch-Formate oder Kreativsitzungen, wird regelmäßig Innovationen hervorbringen. In der 19. Auflage (2018) der „Global C-Suite Study“ von IBM betrachten 71 Prozent der Führungsverantwortlichen der „Reinventors“, den Vordenkern unter den Entscheidern, eine Kultur des Kollaborierens und unternehmensweiten Austauschs von Wissen als eines der Top-Themen der Zukunft – das Personal avanciert also zur zentralen Innovationsquelle; und Unternehmenskultur schafft Wissenskultur.

Der Mitarbeiter ist die wichtigste Innovationsquelle für Disruption

Umfragen zeigen, dass besonders frischen Schul- und Hochschulabsolventen, Angehörigen der Generation Y, eine offene, beziehungsorientierte Unternehmenskultur und die Möglichkeit, einen persönlichen Fußabdruck in ihrem Job zu hinterlassen, wichtig ist. Sie sind es auch, die – sozialisiert mit den neuen Medien – eine Denkweise mitbringen, die weitreichende Potentiale birgt. Kappen Sie durch eine Kultur der Gleichgültigkeit und Unterdrückung deren unbändige Begeisterung, werden Sie womöglich nie erfahren, welche Tech-Ideen und Social-Media-Visionen, die in disruptiven Zeiten besonders hoch im Kurs stehen, Ihnen vorenthalten bleiben. Doch nicht nur dieser Personengruppe sollte Ihre Aufmerksamkeit gelten. Egal, auf welcher Hierarchieebene sie sich befindet, egal, welche Funktion sie erfüllt – jede Persönlichkeit hat ihren individuellen Wahrnehmungsraum und wertvolles Wissen zu Produkten, Kunden, Zielgruppen und Prozessen. Durch eine positive Kultur aktiviert man dieses „Unternehmensgedächtnis“.

Schon bei der Mitarbeiterakquise sollten Unternehmen auf den Fit zwischen persönlicher Einstellung und Unternehmenskultur achten, denn intrinsisch motivierte Mitarbeiter setzen sich intensiver für das Unternehmen ein, fungieren als Multiplikatoren, indem sie positive Markenkommunikation betreiben – und: Sie sind bereit, kreative Ideen und Wissen mit dem Unternehmen zu teilen. So entsteht schnell ein wuchtiges „Wir-Gefühl“ – alle ziehen an einem Strang und befruchten sich gegenseitig mit spannenden Gedanken. Wer den Kreislauf der Wissensgewinnung in Gang setzt, erhält Antworten auf Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden.

Erst die richtige Unternehmenskultur schafft die richtige Wissenskultur

Als Erfolgsfaktor sticht die Unternehmenskultur sogar das Gehalt. Das ist das Ergebnis einer brandneuen Studie, zu der The Harris Poll 1020 Deutsche befragte. Die Aussage „Die Unternehmenskultur ist für meine Arbeitszufriedenheit wichtiger als mein Gehalt“ bestätigten 54 Prozent, fast zwei Drittel würden sich nach einer neuen Stelle umsehen, sollte sich die Kultur ihres Unternehmens verschlechtern. In den USA haben 181 führende Manager, unter anderem Tim Cook und Jeff Bezos, eine Erklärung unterschrieben, die eine Abkehr vom Profit-Mantra und eine Hinwendung zur beziehungsorientierten Arbeitnehmerkultur verspricht. Fortschrittliche Kultur-Beispiele aus Deutschland sind etwa das „Freese Lab“ der Freese Gruppe, das den Mitarbeitern abwechslungsreich designte Seminarräume und Co-Working-Spaces bietet, oder der Open Friday des VoIP-Unternehmens Sipcom, bei dem sich Mitarbeiter mit ausführlichen Redebeiträgen einmischen können.

Die Losung ist so einfach wie bahnbrechend: Wer es schafft, den Mitarbeiter mit seinem vielschichtigen Know-how als wichtigsten Innovationstreiber zu begreifen und die kulturellen Voraussetzungen zu kreieren, die ihn motivieren, Gedanken zu teilen, wer begreift, dass Brain Capital zum Schlüsselfaktor der Zukunft wird und Strategien entwickelt, dieses Kapital optimal abzuschöpfen, wird im Innovationswettkampf als Sieger hervorgehen.

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